Aus: Der Tod eines Buchhändlers

Kriminalroman. Ekke Pontes 5. Fall


erscheint zur Leipziger Buchmesse im März 2018


Natürlich wusste sie, dass sie ein hübsches Mädchen ist. Und sie spielte ihre Trümpfe in scheinbarer Unschuld aus. Das Dekolleté hätte man gewagt nennen können, wenn man biederen Sinnes wäre. Sie reichte mir die Hand und fragte gleichzeitig: „Was wollte der denn?“

„Routine“, antwortete ich. „Bitte, nehmen Sie Platz, Frau Männel.“

„Um Gottes Willen!“, protestierte sie. „Bloß nicht so. Ich bin Eike.“ Und dabei plinkerte sie mich mit ihren grünen Augen an.

„Gut, Eike, nehmen Sie Platz. Ich bin Kommissar Ponte. Das ist meine Kollegin Korn.“

Sie reichte auch ihr die Hand, nahm Platz und blickte uns beide interessiert an, als wollte sie sagen: Na, was liegt an?

„Frau Mä…, also Eike, wir müssen die Umstände klären, die zum Tod von Karl Philipp geführt haben. Sind Sie bereit, uns dabei zu helfen?“

„Na, klar. Wenn ich es kann.“

Die für uns wichtigste Frage an sie war die nach dem Zeitpunkt des tödlichen Vorfalls. Aber da könne sie uns leider gar keine Auskunft geben, denn an besagtem Tag war sie gar nicht im Laden. „Wissen Sie“, plapperte sie fröhlich los, „ich hatte einen Dreh. Ich bin doch beim Film. Komparsin. Noch. Wir haben ja alle mal klein angefangen. Ich werde oft gebucht. An dem Tag brauchten sie eine Leiche. Mein Gott, wenn ich gewusst hätte, dass Karl zur gleichen Zeit…“ Sie ließ den Satz offen, denn sie erschrak bei der Vorstellung, dass sie von der Maskenbildnerin zur Leiche geschminkt wurde, während Karl Philipp mit gebrochenem Genick in seinem Laden lag.

„Karl?“, fragte Astrid. „Waren Sie denn per du mit ihm?“

Das natürlich nicht, erwiderte sie, aber unter uns haben wir ihn Karl genannt.

„Sie und Lars?“, vergewisserte sich Astrid.

Ja, Herr Philipp sei doch uncool.

„Sie waren an dem Tag also nicht in der Buchhandlung. Waren Sie auch nicht in Weimar?“, erkundigte ich mich.

„Leipzig“, lautete die Antwort. „Ich musste schon vor dem Aufstehen mit dem Zug nach Leipzig fahren, obwohl der Dreh erst am Nachmittag war. Aber das sage ich Ihnen, eines Tages müssen die mich mit dem Taxi bis Hamburg oder so fahren.“

Was vor dem Aufstehen bedeutet, fragte ich lieber nicht.

Astrid lächelte milde. Wahrscheinlich dachte sie: Die Flausen im Kopf wird man dir schon noch austreiben, Mädchen.

„Aber das mit dem Filmen machen Sie nur nebenbei. Die meiste Zeit arbeiten Sie in der Buchhandlung von Herrn Philipp?“, fuhr ich in der Befragung fort.

„Ich werde oft gebucht! Ist das nicht lustig? Ich arbeite in einer Buchhandlung und werde oft für den Film gebucht.“ Dabei rutschte ihr der linke Ärmel über die Schulter und ließ mehr als nur den Ansatz ihrer Brust sehen. Sie tat, als bemerkte sie es gar nicht. Ich tat, als bemerkte ich es nicht. Astrid bemühte sich erst gar nicht, ihr Schmunzeln zu verbergen.

„Frau Männel“, sprach ich sie wieder mit dem Familiennamen an, um ihr zu verdeutlichen, dass wir uns nicht in einem Café verabredet hatten. Sie begriff und setzte sich wieder so hin, dass der Träger zurückrutschte, „Sie sind oft genug im Laden, um die Kundschaft einigermaßen zu kennen. Sagt Ihnen der Name Piet Vanderberg etwas?“

Sie dachte nach. „Vanderberg? Nein, kenne ich nicht. Wer soll das sein?“

„Nicht weiter wichtig“, umging ich eine direkte Antwort. „Andere Frage. Ihr Kollege Schnabel, was wissen Sie über ihn?“

„Lars?“ Sie machte eine kleine Pause, als ob sie nach einer Charakteristik suchte, die ihn am treffendsten beschrieb. „Ist ’n netter Kerl.“

Nett ist nicht unbedingt eine freundliche Charakteristik. Mädchen, die von einem Jungen sagen, dass er nett ist, meinen es nicht besonders nett. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße, heißt es grob und ehrlich. Aber vielleicht meinte sie es gar nicht abfällig, sondern eher neutral. Nett eben. „Er dackelt dem Chef ständig hinterher. Herr Philipp hier, Herr Philipp da. Und er lässt sich ganz schön durch die Kante schicken. Geh mal dorthin, geh mal dahin. Ein richtiger Kerl ist anders.“ Sie plinkerte mich wieder an. Das sollte heißen: So einer wie du.

Astrid merkte, dass ich ihren Beistand brauchte, also übernahm sie die Führung des Gesprächs. „Frau Männel, wir wollen wissen, wie das Verhältnis von Herrn Schnabel zu Herrn Philipp beziehungsweise umgekehrt von Herrn Philipp zu Herrn Schnabel war.“

„Wie meinen Sie das mit dem Verhältnis?“ Sie blickte Astrid misstrauisch an, als vermute sie hinter der Frage eine ganz bestimmte Andeutung.

Astrid tat, als sei die Frage völlig wertfrei gemeint, aber natürlich versteckte sich dahinter genau das, was Eike misstrauisch vermutete. Also sagte sie erklärend: „Respektvoll, freundlich, vielleicht auch väterlich von Seiten Ihres Chefs. Oder eher wie Herr und Diener?“

Eike atmete erleichtert auf. „Ich will nichts Falsches sagen, Frau Kommissarin. Der Lars gibt sich alle Mühe, es dem Chef und auch der Kundschaft recht zu machen. Ich glaube, er ist ein guter Buchhändler. Ich meine, wenn man bedenkt, wo er herkommt.“ Sie blickte auf, um zu prüfen, ob sie den Satz erklären müsse.

„Das wissen wir, Eike“, bestätigte ich. „Und ich muss sagen, jeder, der sich von solch einer Vergangenheit befreien konnte, verdient meine volle Anerkennung. Das meinten Sie doch?“

„Genau das“, antwortete sie, froh, nun wieder mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden. Der strengere Ton hatte sie verunsichert. „Wenn er eines Tages den Laden übernehmen sollte, der würde das auch schaffen.“

„Wie meinen Sie das, den Laden übernehmen?“, hakte Astrid sofort ein.

„Wie ich es gesagt habe. Ach so, weil Karl jetzt tot ist?“

„Zum Beispiel.“

Eike dachte nach. Sie war nicht die Schnellste im Kopf. Aber langsam dämmerte ihr, warum wir sie zu einem Gespräch, wie wir es wertfrei formuliert hatten, eingeladen haben. Da protestierte sie entschieden. „Lars nicht. Der bestimmt nicht.“

Wir warteten beide, welche Erklärung sie für seine Unschuld finden konnte. Schließlich fragte sie: „War es denn kein Unfall? Aber wie soll das gehen. Die Tür ist von innen verschlossen, das Fenster von innen verriegelt.“

Das überraschte uns. Woher wusste sie das? „Frau Männel, haben sie in der Zwischenzeit mit Herrn Schnabel gesprochen?“

„Er hat mich angerufen. Na, hören Sie mal, das passiert ja wohl nicht alle Tage. Und Lars war ziemlich aufgeregt. Durfte er denn nicht erzählen, was passiert ist? Ich wäre doch am nächsten Tag nichts ahnend zur Arbeit gegangen und hätte vor einem verschlossenen Laden gestanden. Er musste mir doch Bescheid sagen.“

„Und Sie haben sich auch über den Zustand des Schlosses und des Fensters unterhalten?“

„Ja. Irgendwie war die Rede davon. Lars kann sich doch auch nicht erklären, wie das hätte passieren können. Er hat gesagt, da war bestimmt ein Fremder im Laden.“

„Hat er etwas von einem Holländer erzählt?“, fragte ich.

„Ich höre immer Holländer, Herr Kommissar. Was denn für ein Holländer? Bei uns kommen eine Menge Leute rein. Auch Touris. Ich frag die doch nicht, ob sie aus Buxtehude oder Honolulu kommen.“

„Sie schienen vorhin etwas verunsichert zu sein“, wechselte ich erneut das Thema, „als ich nach dem Verhältnis fragte, dass die beiden miteinander hatten. Gibt es einen Grund, auch in eine ganz anderen Richtung zu denken?“

Wieder brauchte sie etwas Zeit, um meine Andeutung zu begreifen. Plötzlich lachte sie herzhaft. „Die beiden! Nee, Herr Kommissar, das nun wirklich nicht. Wenn der schwul ist, bin ich lesbisch. Wissen Sie, wie gierig der in meinen Ausschnitt glotzt? Ich meine, mir ist das egal. Man ist ja nicht das hässlichste Landeskind. Oder? Und wenn er genug gesehen hat, ist er auf die Toilette gegangen, um sich einen runterzuholen. Schwul? Geil, würde ich sagen. Und der Chef, na, der schon gar nicht. Der ist doch die Korrektheit in Person. Gewesen“, setzte sie hinzu, weil man eigentlich mit etwas mehr Respekt von einem Toten spricht.

Ich wusste nicht, was ich sie sonst noch hätte fragen können und verständigte mich per Augenkontakt mit Astrid. „Eike, das war’s. Danke. Sie haben uns sehr geholfen.“ Ich stand auf, um ihr die Hand zu geben. Dabei stieß ich gegen die Mappe, die noch seit dem Gespräch mit Hans auf meinem Schreibtisch lag. Einige Blätter fielen zu Boden. Eike bückte sich schnell, um sie für mich aufzuheben. Da sagte sie zu meiner und Astrids Überraschung: „Was machen Sie denn mit dem Bild von dem?“

Verdutzt blickten wir sie an. „Den Herrn kennen Sie?“, entfuhr es mir.

Kennen sei zu viel gesagt, erklärte Eike. Aber der sei in den letzten Wochen öfter in der Buchhandlung aufgetaucht. Meistens kurz vor Ladenschluss. Und dann hätten sie sich, also der Chef und der Amsterdamer in die Galerie zurückgezogen, um miteinander zu fachsimpeln und dabei eine Flasche Wein auszunippeln.

Wir baten die junge Frau, noch einmal Platz zu nehmen und uns zu erzählen, was sie über diesen Holländer wisse.

„Holländer?“, fragte sie. „Zu mir hat er gesagt, er kommt aus Amsterdam.“

„Liegt dicht daneben“, erklärte Astrid.

Viel konnte sie uns nicht erzählen. Einer von denen, die am liebsten von ihr bedient werden wollten und anderen Kunden den Vortritt ließen, wenn Lars an der Kasse stand. „Mir macht das nichts aus. Ist gut fürs Geschäft.“ Sie lachte unschuldig.

„Und woher kennen Sie ihn?“

„Der wollte mal mit mir essen gehen. Ich weiß doch, wie der sich den Nachtisch vorgestellt hat.“

Ich war froh, Hans hinterher sagen zu können, dass seine Vermutung, zwischen Philipp und Lars sei noch etwas anderes als die Ausbildung gewesen, nicht stimmte. Für die Ermittlung spielte das keine Rolle. Aber irgendwie hätte es mich gestört. Lilli sagt, in der Richtung sei ich etwas verklemmt. Find’ ich nicht.