Hühnchen und Hahn

 (Nach Ludwig Bechstein neu erzählt)

Auf einem Bauernhof in Naduweißtschonwo lebten ein Bauer und seine Frau. Es war nur ein kleines Gehöft, aber einige Tiere besaßen sie doch: ein Schwein, eine Kuh, einen Hahn und dazu ein Hühnchen, wegen seines hübschen Federkleids Schneeweiß genannt. Und sie hatten eine Tochter, die gern heiraten wollte. Doch ihr fehlte das Brautkleid und ihr fehlten die Schuh’. Nur einen Kranz besaß sie, ohne Perlen dazu.

Eines Tages ging der Hahn mit Hühnchen Schneeweiß den Berg hinauf, wo ein großer Nussbaum stand, denn sie hatten beide Appetit auf etwas Herzhaftes. Immer nur Körner und kleine Würmer machten sie nicht satt.

Nun war Hühnchen Schneeweiß noch ziemlich jung und unerfahren, deshalb riet ihm der Hahn: „Wenn du eine Nuss findest, teile sie mit mir, denn eine ganze Nuss könnte dir im Halse steckenbleiben und du würdest daran ersticken. Ich meinerseits werde es auch so halten und gern mit dir teilen.“

Hühnchen Schneeweiß sagte jaja und soso, aber es dachte, was werde ich eine Nuss teilen, wenn ich doch froh bin, eine gefunden zu haben!

So scharrten sie beide zwischen dem Gras, das Hühnchen rechts vom Baum und der Hahn links vom Baum. Es dauerte gar nicht lange, da hatte Schneeweiß tatsächlich eine Nuss gefunden. Es blickte verstohlen zum Hahn. Doch weil der ihm den Rücken zudrehte, konnte er nicht sehen, was es gefunden hatte. Was soll’s, entschied das Hühnchen, und schlug die Warnung des Hahns in den Wind. Mit zwei, drei Schnabelhieben klopfte es die Nuss auf und, hast du nicht gesehen, schluckte es den schmackhaften Inhalt hinab. Das heißt, es wollte den Nusskern in einem Stück hinunterschlucken, aber sein Hals war zu eng. Die Nuss blieb stecken, wie sehr das Hühnchen auch schluckte und druckte und ruckte. Da schwoll ihm der Hals zu. Es bekam keine Luft mehr. Nur noch ein klägliches Krächzen brachte es hervor, dann fiel Schneeweiß auf die Seite und blieb ohnmächtig liegen.

In dem Moment drehte sich der Hahn nach seinem Hühnchen um, denn er hatte eine Nuss gefunden, die er mit ihm teilen wollte. Er sah gerade noch, wie es schluckte und druckte und ruckte, noch einen Krächzer tat und dann umfiel. „Ich komme zu Hilfe!“, krähte er und lief so schnell ihn seine Beine tragen konnten zu Schneeweiß. Er hätte auch fliegen können, das wäre schneller gegangen, doch das hatte er vor Schreck vergessen.

Er rüttelte und schüttelte, doch Schneeweiß schlug die Augen nicht auf. Am geschwollenen Hals sah er, was der Grund des Unglücks sein musste, doch es war nicht die Zeit, dem unvernünftigen Hühnchen einen Vorwurf zu machen. Ich muss etwas Wasser holen und es ihm einflößen, dachte er, damit die Nuss im Schlund hinunterrutschen kann. Da besann er sich wieder seines Talents, fliegen zu können wie jeder andere Vogel auch. Er breitete die Schwingen aus, schlug sie heftig, um ordentlich Luft unter die Federn zu bekommen. Dann flog er, so schnell ihn seine Flügel tragen konnten, zum Brunnen.

„Brunnen, lieber Brunnen, hilf mir mit deinem Wasser, sonst muss mein Hühnchen ersticken!“

Der Brunnen ließ sich jedoch nicht hetzen. „Wasser kannst du haben, aber was bekomme ich dafür?“

Verzweifelt rief der Hahn: „Ich hab’ nicht Gut, ich hab’ nicht Geld. Schneeweiß ist mein einziger Reichtum in der Welt.“

Der Brunnen dachte nach und murmelte schließlich: „Hol mir den Kranz der Bauerstochter, dann sollst du Wasser für dein Hühnchen haben.“

Weil der Hahn keine Zeit hatte, lange um Wasser zu betteln, das er nicht bezahlen konnte, flog er schnell zur Bauerstochter und flehte: „Liebe Jungfer, gib mir deinen Kranz, damit ich ihn dem Brunnen bringen kann, um von ihm Wasser für mein Hühnchen zu bekommen, das zu ersticken droht.“

Die junge Braut warf den Kopf in den Nacken und verlangte: „Bring mir ein Paar Brautschuhe vom Schuster, dann will ich den Kranz gern hergeben.“

Wieder breitete der Hahn die Schwingen aus, um zum Schuster zu fliegen. „Schuster, lieber Schuster, gib mir ein Paar Brautschuhe, damit ich den Kranz bekomme, den der Brunnen für etwas Wasser fordert, sonst muss mein Hühnchen ersticken.“

„Nichts ist leichter als das, aber vorher muss ich etwas Speck vom Schwein haben, um das Leder einfetten zu können“, lautete die Bedingung des Schusters.

Der Hahn flog zum Schwein. „Schwein, liebes Schwein, ich brauche etwas Speck, damit der Schuster das Leder einfetten kann für die Brautschuhe, die ich der Jungfer für ihren Kranz geben kann, den der Brunnen als Entgelt für etwas Wasser fordert. Sonst muss mein Hühnchen ersticken.“

Da grunzte das Schwein: „Nichts ist umsonst auf der Welt. Hol mir etwas Milch von der Kuh, dann sollst du edeinen Speck haben.“

Der Hahn flog zur Kuh. „Kuh, liebe Kuh, gib mir bitte etwas Milch für das Schwein, damit ich Speck für das Leder des Schusters bekomme, denn nur für ein Paar Schuhe gibt die Braut ihren Kranz her, den der Brunnen für etwas Wasser fordert. Sonst muss mein Hühnchen ersticken.“

Die Kuh aber sprach: „Geh zur Wiese und hol mir frisches Gras, dann sollst du deine Milch bekommen.“

Die Wiese wusste längst von dem Unglück, das Schneeweiß widerfahren war, denn es hatte sich schnell von Grashalm zu Grashalm herumgesprochen. „Nimm, was du brauchst, Hahn, und beeil dich, bevor dein Hühnchen erstickt.“

Der Hahn bedankte sich und zupfte so viel frisches Gras, wie er mit seinem Schnabel fassen konnte. Das brachte er zur Kuh. Die Kuh gab ihm die Milch. Das Schwein tauschte die Milch gegen Speck. Der Schuster rieb das Leder damit ein. Die Braut schlüpfte in die bequemen Schuhe und gab den Kranz dafür her, mit dem der Hahn zum Brunnen eilte.

„Geht doch!“, murmelte der Brunnen und gab einen Krug Wasser heraus, mit dem der Hahn zu seinem Hühnchen eilte. Aber er kam zu spät. Hätten nicht der Brunnen, die Braut, der Schuster, das Schwein und die Kuh gezögert, dem Hahn zu helfen, könnte das Hühnchen noch leben. So ist es, wenn Eigennutz vor Hilfe geht. Laut krähte der Hahn seinen Kummer in die Welt.

Das hörte der Fuchs. „Was machst du für einen Lärm, Hahn?“, verlangte er zu wissen.

„Ach, Fuchs“, antwortete der Hahn bekümmert. „Mein Schneeweiß ist gestorben und ich muss es begraben.“

„Papperlapapp!“, raunzte der Fuchs. „Begraben! Das kann ich viel besser.“ Und hast du nicht gesehen, schnappte er nach dem Hühnchen und schlang es in einem Stück hinunter.

Entsetzt rief der Hahn: „Fuchs, du hast mein Hühnchen gefressen, das ich begraben wollte! Nun habe ich nicht einmal eine Stelle, an der ich um es trauern kann.“

Der Fuchs leckte sich noch genüsslich die Schnauze und sagte: „Den Gefallen will ich dir gern tun und dir einen Platz an deines Hühnchens Seite verschaffen.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, riss er sein Maul weit auf, fasste den Hahn, der viel größer war als das kleine Hühnchen, und schlang ihn ebenfalls hinunter.

Aber so geht es den Gierigen, deren Augen größer sind als ihr Magen. Der Fuchs hatte ordentlich zu tun, den Hahn hinunterzuschlucken, bis der neben dem Hühnchen im Magen ankam. Der Bauch schwoll und schwoll, so dass dem Fuchs übel und übler wurde. Er schlich mit letzter Kraft zum Brunnen, in der Hoffnung, die Schmerzen in seinem Bauch mit frischem Wasser beruhigen zu können. Gierig sog er das Wasser ein. Davon schwoll sein Bauch noch mehr an, so sehr, dass er schließlich platzte und der Fuchs tot umfiel.

Da sprang der Hahn heraus. Und als er sein Hühnchen bergen wollte, bemerkte er, dass Schneeweiß nur ohnmächtig gewesen ist. Beide schüttelten das Wasser aus ihrem Federkleid und konnten sich wieder ihres Lebens freuen.

„Nichts für ungut“, murmelte der Brunnen, „aber hätte ich den Fuchs nicht saufen lassen, wäre er nicht geplatzt.“

„Mein Gras will ich in Zukunft wieder selber rupfen“, bat die Kuh um Verzeihung.

„So ein bisschen Speck habe ich allemal übrig“, beteuerte das Schwein.

„Ich hatte ganz vergessen, dass ich noch reichlich Lederfett in der Büchse habe“, gestand der Schuster.

„Eigentlich brauche ich gar keine neuen Schuhe“, sagte die Braut und gab sie wieder zurück.

„Was soll ich mit einem Kranz?“, erklärte der Brunnen schließlich. „Der steht der Braut viel besser.“

Da waren der Hahn und sein Hühnchen wieder guter Dinge. Heiter gingen sie nebeneinander über die Wiese und bedankten sich bei jedem Halm. „Du hast geholfen, ohne zu fragen oder etwas zu verlangen, liebe Wiese. Wann immer es nötig ist, wollen wir dir das Ungeziefer von den Halmen picken.“

Das taten sie denn auch. Nach Nüssen sind sie aber nie wieder gegangen.