Aus: Der Tod eines Buchhändlers

Kriminalroman. Ekke Pontes 5. Fall


Es war zwar noch nicht Ladenöffnungszeit, aber ich wusste, dass der Buchhändler Karl Philipp in aller Regel schon deutlich vor der Zeit in seinem Laden war, um die Kartenständer und die Tische mit den Sonderangeboten nach draußen zu rollen und um im Laden noch ein wenig für Ordnung zu sorgen. Ich hatte bei ihm Kredit. Mein Vater war einer seiner besten Kunden, jedenfalls was die antiquarische Abteilung betrifft, die der sehr distinguierte Herr mit Fleiß und Eifer betrieb.

Die ersten drehbaren Ständer mit Gruß-, Glückwunsch- und Ansichtskarten standen bereits vor der Buchhandlung. Lars Schnabel, der „junge Mann“, war dabei, weitere nach draußen zu rollen. Er war Philipps Gehilfe, der ihn zum Buchhändler ausgebildet hatte. Ich mochte den stillen, freundlichen Zwanzigjährigen. Es erheiterte mich stets, dass er bemüht war, seinem einstigen Lehrherrn die unaufdringlichen, aber geschäftstüchtigen Manieren abzugucken. Zwar trug er keinen an den Ärmeln schon etwas abgewetzten braunen Anzug, auch nicht eine täglich wechselnde Fliege, aber zu seinen großkarierten Hemden hatte er sich extra vom Krawatten-Kaiser in der Marktstraße passende Binder aussuchen lassen. Wahrscheinlich hätte sich Karl Philipp auch einen zeitgemäßen und eleganteren Anzug leisten können, doch er legte gar keinen Wert darauf. Er sei geizig, hieß es. Außerdem hätte ein moderner Anzug weder zu dem Mann noch zu seiner Bücherstube gepasst.

Lars Schnabel hatte eine freundlich, nie aufdringlich wirkende Stimme. Er hatte gelernt, wann ein Kunde seinen Rat suchte oder sich einfach nur umsehen wollte. Viele der Stammkunden kannte er sogar mit Namen und Adresse, denn wenn ein Buch nicht vorrätig war, bestellte es Karl Philipp per Computer beim Großhändler. Falls das vor 16.00 Uhr geschah, konnte damit gerechnet werden, dass der Titel am nächsten Vormittag geliefert wurde. Lars, den die meisten nur als „den jungen Mann“ kannten, setzte sich aufs Fahrrad und brachte das gewünschte Buch zum Kunden, damit der nicht ein zweites Mal in die Stadt musste. Ich hatte ihn schon mehrmals auch in unserem Viertel gesehen.

„Guten Morgen, Herr Hauptkommissar!“, grüßte er mich. Und fügte die Floskel an: „Schon so früh auf den Beinen?“ – wie es Händler der alten Schule machen, um den Kunden in ein Gespräch zu verwickeln, in der Hoffnung, etwas verkaufen zu können. Ich hatte ihm zwar mehrfach gesagt, dass er mich nicht mit dem Dienstgrad ansprechen müsse. Ich sei Herr Ponte wie Herr Weber Herr Weber sei und nicht unbedingt der Herr Generalintendant, oder Herr Hoffmeister nicht immer mit Herr Chefredakteur tituliert werden wollte. Aber das hatte der Herr Buchhändler Philipp seinem Zögling beigebracht: Wer einen Titel oder einen Dienstgrad hat, hat ihn sich verdient und erarbeitet. Das müsse man respektieren. Lars Schnabel, der junge Mann, hielt sich daran. Manch einer fühlt sich selbst etwas erhoben, wenn er sein Gegenüber mit „Herr Doktor“ ansprechen kann. Man verkehrt in solchen Kreisen, bedeutete das.

„Ist der Chef schon da?“ Das war eigentlich eine überflüssige Frage, denn Karl Philipp war stets der Erste im Laden, wie er der Letzte war, der ihn verließ.

„Ja. Hinten in seinem Separee, Herr Hauptkommissar.“

Das Separee war eine kleine Nische im hinteren Teil des Ladens, wo die antiquarischen Bücher und Drucke auslagen. Philipp hatte einen Schreibtisch, der aus einem Herrenzimmer des ausgehenden 19. Jahrhunderts stammen musste. Nudelmeier, nach Ansicht der Kunstkenner vermutlich nichts Besonderes, aber durchaus eindrucksvoll mit gedrechselten Säulen und Löwenpranken an den Fußenden. Die Schreibtischplatte, Kirschbaumfurnier und schon etwas ramponiert, war mit mehreren Stapeln antiquarischer Bücher belegt, zwischen denen der Buchhändler selbst kaum herauszufinden war. Aber als er mich kommen sah, erhob er sich sofort und trat mir drei Schritte entgegen. „Der Herr Hauptkommissar Ponte! Nun, wie geht es uns? Was macht die Frau Gemahlin?“

Karl Philipp war etwa einen Kopf kleiner als ich und auch sonst von schmächtiger Statur mit einem leicht gebeugten Rücken. Er trug einen Zwicker in der Brusttasche seines Anzugs, den er zu Hilfe nahm, wenn er etwas genauer betrachten wollte. Er wertete seine ein Meter sechzig mit einer abgegriffenen Baskenmütze auf, die er wahrscheinlich auch im Bett trug. „Wie schade“, seufzte er. „Wie schade, dass Ihr Herr Vater nicht mehr lebt. Ich habe da etwas ganz Außergewöhnliches erwerben können. Kommen Sie, Herr Hauptkommissar, kommen Sie!“ Dabei führte er mich an seinen Schreibtisch. Er holte aus einer Schublade ein Paar weiße Stoffhandschuhe hervor, um dann ein gewichtiges Buch in die Hand zu nehmen.

Ich sah es und sagte im Scherz: „Keine Spuren hinterlassen, Herr Philipp!“

Er lächelte etwas säuerlich, aber er ging nicht auf meine flapsige Bemerkung ein, sondern legte ein zwar altes, äußerlich ziemlich ramponiertes Buch vor mich hin. „Was sagen Sie dazu?“ Damit wies er auf den dicken Wälzer und schlug ihn vorsichtig auf.