Die kugelrunden Müller aus dem Schwabenland

(nach otiven von Ludwig Bechstein)

In einem oberschwäbischen Dorf lebte einst ein Müller, der war so dick wie eine Regentonne. Und wenn er durch die Mahlstube lief, da knarrten die Dielen verdächtig und die Wände ächzten unter seiner Last. Doch das wollte ihm nicht genug sein. Also beschloss er, sich mit einer Rüstung zu umgeben, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte.

Er ließ sich vom Schneider ein doppelwandiges Wams machen, das er mit Sand und Kalk füllte und obendrein noch mit flüssigem Pech, damit es Sand und Kalk zu einer festen Masse verbinde. Darüber ließ er sich vom Schmied eine blecherne Rüstung anpassen, die allein so schwer war, dass sie kaum der stärkste Ritter hätte tragen können. Doch damit ließ es der Müller immer noch nicht genug sein. Er bestellte beim Leineweber drei Hemden vom gröbsten Stoff, die er über die Rüstung zog. Schließlich gab er beim Sattler neun lederne Röcke und drei Lederhosen in Auftrag, die er ihm nacheinander auf den Leib zumessen musste, denn für eine normale Anprobe war der Müller schon viel zu ungelenk.

In dieser Verpackung glich er eher einer Kugel als einem aufrecht gehenden Mann. Wollte er seinen heimatlichen Ort verlassen, musste das große Tor aufgezogen werden, denn durch eine normale Tür hätte er sich auch beim besten Willen nicht zwängen können. Er bedurfte auch der Hilfe seiner Freunde, die ihn stützen und schieben mussten. Der Müller wäre sonst nicht vorwärts gekommen, sondern beim kleinsten Abhang hinabgerollt und vor jedem geringsten Anstieg verzweifelt. Fiele er nach rechts, hätte er sich im Mühlbach wiedergefunden, fiele er nach links, hätte er im nächsten Misthaufen erst wieder Halt gemacht. Deshalb verließ er seine Mühle nur noch zu besonderen Anlässen wie zum Beispiel am Gedenktag für den Heiligen Oswald. Da er nämlich den gleichen Vornamen trug wie der Märtyrer, wollte er sich die Festlichkeit nicht entgehen lassen.

Nun muss aber erst einmal erzählt werden, wie der Müller Oswald auf die Idee kam, sich in dieser ungewöhnlichen Weise zu rüsten. Die Geschichte liegt etwas weiter zurück und nur die Älteren im Ort können sich daran erinnern. Es war so: Bei einem Leichenbegängnis waren die Leute miteinander in Streit geraten, der mit Rempeleien begann und schließlich in eine heillose Schlägerei ausartete. Da ist der Müller, der sonst ein friedlicher Mann war, wütend dazwischen gegangen und hat den einen oder anderen mit der Faust umgehauen, bis er an einen geriet, der ihm mindestens ebenbürtig war. Wie es der Zufall wollte, war es der Müller aus dem niederschwäbischen Nachbarort. Und um das Kraut fett zu machen, hieß auch er Oswald wie der oberschwäbische Müller.

Der niederschwäbische Müller Oswald hatte ein breites Schwert umgegürtet, das er aus der Scheide zog und damit um sich schlug. Fast hätte er den oberschwäbischen Müller damit niedergestreckt, wenn der sich nicht schnell gebückt und mit einem Eichenknüppel seinem Gegner die Beine weggeschlagen hätte, dass der rücklings in eine Jauchegrube fiel und fast darin ersoffen wäre.

„Das soll mir nicht noch einmal passieren, dass mir einer mit dem Schwert droht!“, hatte der Oberschwäbische geschworen, und deshalb ließ er sich eine Rüstung anfertigen, die ihn auch gegen den mächtigsten Gegner schützen sollte. Freilich, alles hat seinen Preis. Und der Preis war, dass sich der oberschwäbische Müller Oswald kaum noch aus eigener Kraft fortbewegen konnte.

Nun also war die Feier für den Heiligen Oswald angesetzt. Um in die Kirche gelangen zu können, die zwischen den beiden Orten auf einer Anhöhe errichtet worden war, wo die Messe für den Heiligen Oswald abgehalten werden sollte, bedurfte es eines stabilen Gefährts mit doppelter Federung und verstärkten Achsen, denn den ganzen Weg zu Fuß machen wäre nicht möglich gewesen. Drei Ochsenpaare mussten angespannt werden. Das reichte aber immer noch nicht aus, sobald es etwas bergan ging. Da musste das halbe Dorf die Karre schieben. Und wenn es bergab ging, genügten die üblichen Bremsen nicht, da musste das halbe Dorf den Karren halten. Mit einiger Mühe und großem Aufwand erreichten die Oberschwäbischen mit ihrem Müller Oswald die Anhöhe und brachten das Gefährt rechts der Kirche zum Stehen.

Aber kaum hatten sich die Leute etwas erholt und konnten schon wieder ohne Schnaufen und Seufzen atmen, da erreichte von der niederschwäbischen Seite kommend der andere Müller Oswald die Höhe. Und da er sich ähnlich gerüstet hatte wie sein Namensvetter und Berufskollege, war dessen Anreise nicht minder anstrengend gewesen. So standen sie sich gegenüber, hochgerüstet und mit allerlei Piken und Haudegen bewaffnet. Da hielten die Leute auf beiden Seiten den Atem an, denn sollten die kugelrunden Müller tatsächlich aufeinander losgehen, konnte das nur in einer wilden Schlägerei enden, und natürlich wären die Gefolgschaften ihren Anführern beigesprungen.

Da sprang plötzlich eine junge Maid aus dem oberschwäbischen Haufen hervor. Das war Julia, die Tochter des Müllers. Sie stellte sich ihrem Vater entschlossen entgegen und rief: „Vater, wenn du jetzt nicht endlich Ruhe gibst, siehst du mich nie wieder!“ Oh, was hielten die Leute die Hände vor ihre Münder, so sehr erstaunte sie der Mut des Mädchens. Und als ob das nicht genug sei, sprang plötzlich ein junger Bursche auf der niederschwäbischen Seite hervor. Das war Rudolf, der Sohn des anderen Müllers. Und er rief: „Das gilt auch für dich, Vater! Wenn du nicht endlich einhältst und immer wieder Händel suchst, gehe ich auf und davon!“

Da hielten die Leute auf der anderen Seite auch ihre Münder zu und den Atem an. Die beiden Kampfhähne waren aber so überrascht, dass sie ihre Schwerter in den Scheiden stecken ließen. Und gänzlich verblüfft waren sie, als Julia und Rudolf aufeinander zugingen, sich an den Händen hielten und zu aller Erstaunen erklärten: „Wir sind nämlich verlobt. Und wir wollen heiraten. Legt eure Rüstungen ab, brecht eure Waffen entzwei und vertragt euch endlich.“

Nun ging Julia auf ihren Vater zu und schnitt ihm die lederne Hülle von der Rüstung. Dann brach sie die Scharniere des Brustpanzers auf. Gleich machte sich Rudolf ans Werk und schnitt seines Vaters Lederwams auf, um die Scharniere des Brustpanzers zu sprengen. Julia zog ihrem Vater zwei der drei Lederhosen aus. Rudolf tat es ihr an seines Vaters Rüstung gleich. Die Leute rundum sahen es mit Staunen und begleiteten, als sie wieder zu Verstand und Stimme kamen, jede Handlung der beiden jungen Leute mit Beifall, Bravorufen und großem Gelächter. Wer sich ganz und gar nicht zurechtfinden konnte, war der oberschwäbische und der niederschwäbische Müller. Sie ließen die Prozedur wie versteinert über sich ergehen. Als sie auch des letzten Teils ihrer Rüstung und der zahlreichen Waffen entledigt waren, standen sie noch immer auf ihren jeweiligen Karren, rund und rosig, verdutzt und verdattert. Nur langsam begriffen sie, was geschehen war, und dass es ihre Kinder gewesen sind, die sie vor einer großen Dummheit bewahrt hatten. Denn wie wäre der Streit anders als blutig zu Ende gegangen, weil doch keiner nachgeben wollte und der Unterlegene sein mochte?

„Na, komm schon, Väterchen“, sagte Julia und half dem noch immer verblüfften Vater vom Karren. Rudolf tat es ihr mit seinem Vater gleich. Die beiden Müller setzten langsam einen Fuß vor den anderen und staunten, dass sie niemand stützen oder schieben musste. So kamen sie einander näher, bis sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Der eine schluckte, weil er nicht wusste, was er nun sagen oder tun sollte. Dem anderen ging es nicht besser. Plötzlich sagte der oberschwäbische Müller zum unterschwäbischen Müller: „Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Wie machst du es, dass dein Weizenmehl so blendend weiß aussieht?“

Da sagte der niederschwäbische Müller: „Komm mal vorbei, da zeige ich es dir. Und bei der Gelegenheit“, fügte er hinzu, „kannst du mir ja mal erklären, warum deine Haferflocken flockiger sind als meine.“

Nun brach ein großes Gelächter los. Da blieb dem Müller Oswald aus dem Oberschwäbischen wie dem Müller Oswald aus dem Niederschwäbischen nichts anderes übrig, als in den allgemeinen Jubel einzustimmen, wenn man auch sah, dass es wohl noch eine Zeit brauchen würde, bis sie einander ohne Argwohn begegnen könnten. Aber das war eine Sache, die Julia und Rudolf auch noch besorgen würden. So ist das nämlich: Wenn man erst einmal begriffen hat, dass miteinander zu reden viel besser ist als miteinander zu streiten, fragt man sich irgendwann, warum man erst so spät darauf gekommen ist, in Frieden miteinander leben zu wollen.

Eines muss aber noch erzählt werden: Kugelrund sind die beiden Müller bis an ihr seliges Ende geblieben. Nur noch einmal drohten sie aneinander zu geraten, als nämlich Julia fast so rund um den Bauch war wie die beiden Alten und jeder von ihnen bestimmen wollte, wie das Enkelkind heißen sollte. Da hatte der liebe Gott ein Einsehen und Julia gebar ein putzmunteres Zwillingspärchen.