Bonjour citoyen                                                                                        

Ulrich Voß, Schauspieler, Regisseur

"Ihr Buch hat mich sehr bewegt. Es hat mich mit so vielen Situationen konfrontiert, die ich, in anderer Weise gewiss, erlebt habe und noch heute erlebe. Die Empfindungen, Gefühle, rationalen Auseinandersetzungen Ihres Helden kenne ich und sie haben in mir Zeiten überdauert. Büchners Vorhaben bedeuten auch heute noch einen sicheren Tod. Nicht immer körperlich, aber doch ausgelöscht durch abgezirkeltes Vergessen. Ich wünsche Ihrem Buch viele Auflagen. Es ist eins gegen das Vergessen, demonstriert ad hominem. Ihre Klarheit hat mich erschüttert.





Das ferne Grab                                                                                           

Dr. Eberhard Günther


"… Dass Covere gefällt mir, und die ganze Gestaltung, von der Typographie bis zu den Illustrationen, ist auch gelungen. Nur finde ich, dass durch die eingeschobenenBriefe der Lesefluss etwas gehemmt wird. Aber das ist vielleicht auch so gewollt.

Wer wird es lesen? Sicher vor allem unsere Generation, die den direktesten Bezug zu dieser Thematik haben. Dann vielleicht auch die heuter Vierzig- und Fünfzigjährigen, die im Schulunterricht noch etwas von der Stalingrader Schlacht und der Rolle der Sowsjetunion im Zweiten Weltkrieg mitbekommen haben. Du wirst sicher versuchen, diese potentiellen Leserkreise speziell anzusprechen.

Sehr wichtig wäre eine solche Lektüre für die Generation unserer Enkel, denn ihnen fehlt ja heute jegliche Erfahrung dieser Zeit und der geschilderten Ereihgnisse. Aber man muss sich einmal überlegen: Die Stalingrader Schlacht liegt rund siebzig Jahre zurück! Das ist eine zeitliche Entfernung, wie für uns, als wir etwa zehnjährig waren, bis zum Krieg 1870/71! Für Jugendliche schier unvorstellbar.

(Dr. Eberhard Günther war zu DDR-Zeiten Chef des Mitteldeutschen Verlags Halle)


kleines lexikon bauhaus  weimar                                                            


Christian Tesch/Ulrich
Völkel (Hgg.):
kleines lexikon bauhaus weimar.
weimarer taschenbuch verlag,
237 S., zahlr. Abb., 22.90 Euro
























29.04.2010

Navigationshilfe für Bauhaus-Fans

Ein "kleines lexikon bauhaus weimar" ist in der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienen.
Weimar. Die völlig sachliche und korrekte Abhandlung des Gegenstandsbereichs ist für Lexikon-Autoren professionelle Pflicht. Dennoch müssen, wie das druckfrische "kleine lexikon bauhaus weimar" beweist, ihre Kolumnen keineswegs dröge und langweilig sein. Sondern es liegt eben auch eine Kunst darin, durch beherzte Auswahl der Stichwörter und eine frische, verständliche Art der Darstellung besondere Akzente zu setzen. So behandelt der vorliegende, 237 Seiten starke Band die 1919 in Weimar gegründete Bauhaus-Bewegung vornehmlich unter thüringischen Aspekten; regionale Zeugnisse des Bauhauses verdienen folglich, anders als in vielen vergleichbaren Werken, überproportionale Würdigung: etwa das Haus am Horn, das Märzgefallenen-Denkmal und das Gropius-Zimmer in Weimar oder das Theaterhaus, die Mensa am Philosophenweg und das Abbeanum in Jena. Selbst Alfred Arndts "Haus des Volkes" in Probstzella wird abgebildet und die von Walter Gropius entworfene Gedenktafel am DNT in einem eigenständigen Artikel vorgestellt. Auf Fotografien der Dessauer Meisterhaus-Siedlung oder des dortigen Schulgebäudes wurde hingegen verzichtet. Eine Stärke des Lexikons beruht in den zahlreichen biografischen Beiträgen, in denen auch landläufig weniger bekannte Bauhaus-Künstler zum Zuge kommen: Carl Jakob Jucker, Else Mögelin, Werner Graeff, Fréd Forbát, Naum Slutzky oder Franz Ehrlich zum Beispiel. Letzterer entwarf, wie jüngste Forschungen erst belegten, die Typografie des zynischen Spruchs "Jedem das Seine" am Lagertor des Konzentrationslagers Buchenwald in einer Bauhaus-affinen, also eigentlich "entarteten" Schrift - Beleg für einen mutigen, subversiven Widerstand gegen das NS-Regime. Erfreulicherweise werden zudem die Verbindungen Adolf Hölzels oder Johannes Mohlzahns zum Bauhaus beschrieben - während man auf einen Artikel zu Walter Dexel, der sich von Jena aus engagiert für die Bauhäusler eingesetzt hat, verzichtete. Sichtlich haben sich die Autoren - Verleger Michael Maaß und sein Lektor Ulrich Völkel, Frank Boblenz als Abteilungsleiter des Thüringer Hauptstaatsarchivs sowie Christian Tesch als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bauhaus-Universität - darum bemüht, das Bauhaus als eine lebendige Avantgarde-Bewegung zu charakterisieren. So erfährt der Leser nicht nur von Bauhaus-Tracht und Bauhaus-Festen, sondern auch über regionale Einrichtungen, die heutigentags die Bauhaus-Ideenwelt vermitteln: etwa die Bauhaus-Spaziergänge, das Bauhaus-Transferzentrum Design oder das Netzwerk Impuls Bauhaus. Der für Lexika unübliche chronologische Abriss im Anhang endet auch nicht mit der Auflösung des Bauhauses 1933 in Berlin. Sondern es wird eine Kontinuität von der Gründung der Großherzoglichen Kunstschule anno 1860 bis heute - zur Bauhaus-Universität - hergestellt. Insofern fällt das Erscheinen des "kleinen lexikons", das von Dieter Bauhaus, dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Mittelthüringen, und von TLZ-Chefredakteur Hans Hoffmeister maßgeblich unterstützt wurde, auf ein "verstecktes" Bauhaus-Jubiläum. Es wird kunstsinnigen Besuchern Thüringens als ein Navigator dienen - und sicherlich zum 100. Bauhaus-Jubiläum 2019 seine zehnte, erweiterte Auflage erreichen. Das Buch ist ab sofort im TLZ-Pressehaus Weimar erhältlich.




30.04.2010





30.04.2010





Harry Thürk. Sein Leben, seine Bücher, seine Freunde    


Mittwoch, 13. Juni 2007

So mutig wie Harry Piel


60 Bücher, neun Millionen Auflage:
Nun erhält Erfolgsautor Harry Thürk posthum
eine umfassende Würdigung.

Weimar. (tlz) Nach Meinung zahlreicher Thürk-Freunde war sie längst überfällig: eine umfassende Würdigung von Leben und Werk des nicht nur in der DDR beliebten Kriminal- und Abenteuerschriftstellers Harry Thürk (1927-2005), dessen 60 Bücher in einer Gesamtauflage von neun Millionen Exemplaren erschienen sind. Kurz nach seinem 80. Geburtstag in diesem Frühjahr ist das von Hanjo Hamann im Mitteldeutschen Verlag, Halle, herausgegebene "Lesebuch" erschienen. Heute Abend wird es im Beisein der Ko-Autoren Ulrich Völkel und Stefan Wogawa in Weimar, der Heimatstadt Thürks, präsentiert.

 Dass da auch sein Weimarer Schriftstellerkollege Wolfgang Held eingeladen ist, versteht sich fast von selbst. Es sollen auch weniger bekannte Seiten des politisch motivierten Autors Thürk vorgestellt werden, der als Journalist und Bild-Reporter in China gearbeitet und zahlreiche Reisen nach Südostasien unternommen hatte. Während des Vietnamkriegs geriet er in eine Wolke des von der US-Luftwaffe versprühten Giftgases Agent Orange und litt seitdem an akutem Lungenschwund und anderen Vergiftungserscheinungen, die ihn später ans Bett fesselten.

 "Harry Thürk - Sein Leben, seine Bücher, seine Freunde" (239 S. mit s/w Abb., 12.90 Euro) ist eine liebevoll gestaltete, mit Leseproben und ausgewählten Rezensionspassagen angereicherte Hommage an den Autor, die Neugier wecken und zur Beschäftigung mit seinem Werk anregen will. Die im Vorwort ausdrücklich erwünschte "Auseinandersetzung" findet nur partiell statt. Freunde reden einem Verstorbenen nun mal nichts Kritisches nach. Der Leser kann sich jedoch weitgehend selbst ein Bild machen, da die Autoren zumeist aus verschiedenen Rezensionen zitieren - dadurch auch kritische Einwände dokumentieren, bis hin zu jenem Pauschalverriss im "Spiegel" (Heft 29/1995), der Thürk zum "Konsalik des Ostens" stempelte. Zu seinem Hauptwerk, dem zweibändigen Solschenizyn-Roman "Der Gaukler", werden u. a. Peter Hacks aus der "Jungen Welt" ("Ich habe mich glänzend unterhalten") und Hans C. Blumenberg aus "Die Zeit" zitiert: "So radikal hat noch kein Autor der DDR seine eigenen Kollegen diffamiert, von den Kulturfunktionären ausdrücklich dafür belobigt."

 Die Nachrufe aus dem Kollegen- und Freundeskreis - von Jan Dolny bis Ulrich Völkel - sind freundlicher und sehr persönlich gehalten; sie lassen hinter der Fassade des scheinbar abgebrühten, sich zuweilen einer deftigen Sprache bedienenden Erfolgsautors, der für viele Bücher und Filme vor Ort recherchiert hat, den sensiblen, gewitzten und gewieften Menschen erkennen - "Harry eben". So erfährt man, dass Harry eigentlich Lothar Rudolf Thürk hieß und schon als Junge so wagemutig sein wollte wie der Filmheld Harry Piel aus "Menschen, Tiere, Sensationen". Seinem Freund Wolfgang Held hat Harry über eine Kolik hinweggeholfen, indem er zu Wadenwickel und Fencheltee riet. Verleger Eberhard Günther sah sich mit Thürk auf gleicher Welle, auch was die "harte Schreibweise" betraf - ein Vorwurf, der nach dem 11. ZK-Plenum 1965 viele DDR-Autoren traf, darunter Thürk im Zusammenhang mit seinem Antikriegs-Roman "Die Stunde der toten Augen".

 Enttäuschend einseitig, was Harry Thürk kurz vor seinem Tod einem Online-Leser zum "Leben nach der Wiedervereinigung" mitzuteilen hatte: "sozialer Kahlschlag" rundum, angerichtet von der Treuhand und Westbeamten in Kolonialmachtsmanier. "Ich sehe ein", schreibt der Schwerkranke, "dass ich für Manipulatoren, wie sie heute unsere politische Showbühne beherrschen, ein unangenehmer Störfaktor bin." Ein solcher Störfaktor ist er für die politische Showbühne in der DDR nie gewesen, und kurios wird es, wenn Thürk gegen die "Parteidisziplin" im Westen wettert. Vielleicht ist er aufgrund seiner fortgeschrittenen Krankheit zu einer Selbsthinterfragung nicht mehr bereit oder in der Lage gewesen.

! Buchvorstellung: heute, 19 Uhr, Literaturhaus Weimar, Marktstraße 2-4. Von dem Eintrittsgeld (5 Euro) werden 2 Euro zugunsten von Kriegsopfern in Vietnam gespendet.

12.06.2007   Von Frank Quilitzsch




Erinnerung an Harry Thürk

 Ein guter Unterhalter wollte Harry Thürk sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zum 80. Geburtstag des 2005 verstorbenen Weimarer Schriftstellers umreißt nun ein Almanach sein Leben und Werk.

 WEIMAR. Es ist das erste Buch über den Mann, der nach 78 Lebensjahren 60 Bücher und nahezu 20 Drehbüchern hinterließ. Mit knappen Leseproben, lockeren Handlungsabrissen und Hintergrundkommentaren verschaffen die Autoren um Herausgeber Hanjo Hamann einen kurzweiligen Zugang zu den einzelnen Büchern. Für die aufregende Biografie des aus Oberschlesien stammenden Sohnes eines Gelegenheitsarbeiters, der noch in Hitlers Krieg ziehen musste, um später als Berichterstatter auch den Vietnamkrieg hassen zu lernen, für diesen Lebensweg also benötigt das Lesebuch nur wenige Seiten. Umso deutlicher künden Thürks autobiografische Werke von jenen Erfahrungen.


 Lothar Rudolf Thürk, der sich später den Vornamen seines Idols Harry Piel zulegte, hat etwas gemacht aus seinem Leben. Nach der verlorenen schlesischen und der in Weimar gefundenen zweiten Heimat hatte er sich mit Ostasien eine dritte erobert. Vor allem dort hat er seine schriftstellerischen Träume angesiedelt. Ein guter Unterhalter wollte er sein, "wie ich sie auf orientalischen Basaren traf: Wer spannend erzählt, dem wird zugehört." Eine Gesamtauflage von drei Millionen Büchern spricht dafür, dass man ihm zuhört. Gelungen ist jetzt dem Mitteldeutschen Verlag eine Sammlung, die Harry Thürk sicher sehr gefallen hätte. Vor allem auch wegen der launigen Retrospektiven seiner Freunde. Allen voran sein Schriftstellerkollege Wolfgang Held, der sich Thürk mit "Episoden und Erinnerungen vom Rand her" widmet. Diese wird er bei der Lesung im Literaturhaus Weimar heute um 19 Uhr, wo das Buch vorgestellt wird, zu Gehör bringen.

 Hanjo Hamann (Hrsg.): Harry Thürk, Mitteldeutscher Verlag Halle, 12,90 Euro.

12.06.2007   Von Lilo PLASCHKE



Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen              


10.12.2007 

Schönheit tief im Berg

 Thüringen verfügt auf Grund seiner geologischen Struktur über zahlreiche unterirdische, zum Teil noch nicht vollständig erforschte Höhlen und Grotten. Ulrich Völkel stellt zahlreiche davon in seinem jüngsten Buch vor.

 THÜRINGEN. Dank seines Reichtums an Bodenschätzen von Eisen bis Gold blickt Thüringen auf eine lange, traditionsreiche Geschichte des Bergbaus zurück. Bisherige Publikationen gaben noch nie ein vollständiges Bild über all diese Höhlen, Grotten und Schaubergwerke. Diese Lücke wird nun durch den vorliegenden Text-Bildband geschlossen, der diese Einrichtungen in ihrer ganzen Schönheit vorstellt.

 Acht Höhlen und 17 als Schaubergwerke eingerichtete Anlagen sowie ein eben wieder angefahrenes, wenn auch nicht zu besichtigendes Bergwerk werden mit zahlreichen großformatigen Fotos präsentiert und durch einen erzählenden Text des Schriftstellers Ulrich Völkel dem Leser nahe gebracht. Das Buch dürfte selbst für ausgewiesene Thüringen-Kenner manche Überraschung bieten und ist gewiss eine sehens- und lesenswerte Anregung für spannende Entdeckungen in Thüringen. Was an wissenschaftlichen Fakten unbedingt notwendig in dieses Buch gehört, ist knapp und übersichtlich in gesonderten Randspalten beschrieben. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis verweist auf weiter führende Publikationen. Ergänzt wird das Buch durch eine geologische und eine geografische Karte Thüringens.

 Der in Weimar lebende Autor Ulrich Völkel hat sich bereits durch zahlreiche Romane, Kinderbücher, Erzählungen und auch Gedichte einen Namen gemacht. Seine neuesten Publikationen sind die Novelle "Daheim, in meinem fremden Land" und das Kinderbuch "Ein Elefant im Hotel", beide im RhinoVerlag erschienen. In seinem jüngsten Buch erweist er sich erneut als humorvoller, nachdenklicher und gründlich recherchierender Autor.

 Das Buch "Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen" von Ulrich Völkel ist im Buchhandel, bei den Touristinformationen sowie auch in den Geschäftsstellen der "Thüringer Allgemeine" erhältlich.




12.12.07

(Frank Quilitzsch)

Weimar. (tlz/fqu) Nicht alles Schöne liegt an der Oberfläche. Um Thüringens geologische Schätze zu entdecken, muss man sich unter Tage begeben. Der in Weimar lebende Schriftsteller Ulrich Völkel hat keine Mühe gescheut und ist in alle 25 Höhlen und Schaubergwerke eingestiegen bzw. eingefahren, die zu besichtigen sind. In einem üppig bebilderten Band hat er seine Beobachtungen, Eindrücke und Recherchen niedergeschrieben: Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen (Rhino-Verlag, Ilmenau, 240 S. mit zahlreichen Farbfotos, 29.95 Euro) wird am Donnerstag am zünftigen Ort vorgestellt in der Parkhöhle Weimar. So manche Legende und abenteuerliche Historie rankt sich um die unterirdischen Plätze, und Völkel gibt sie  von der Barbarossahöhle am Kyffhäuser bis zur Zinselhöhle Meschenbach  mit einem Augenzwinkern wieder. Märchenhöhle, Feengrotten, Schaubergwerk Ronneburg und Erlebnisbergwerk Sondershausen. Auch die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen wird nicht vergessen, wo Häftlinge in einem Stollen unter unmenschlichen Bedingungen die Wunderwaffe der Nazis, die V2-Rakete, montieren mussten. Thüringen war jahrhundertelang eine Bergbauregion, was auch den Naturforscher Goethe auf den Plan gerufen hat. Völkel holt sich für seinen Band fachkundigen Rat bei Geologen und Hobby-Höhlenforschern. Glück auf!



Doch die im Dunkeln sieht man nicht

Thüringen bietet dem Besucher eher eine einnehmende als herausfordernde Landschaftskulisse. Ein paar Mittelgebirgsspitzen in Sichtweite der Tausendergrenze in Harz und Thüringer Wald verursachen kein Herzklopfen. Das von den geologischen Verwerfungen besonders geprägte Land aber hat eine spektakuläre Unterwelt zu bieten. Die Enthüllungen in "Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen" von Ulrich Völkel macht die familientaugliche Wanderregion jedenfalls auch für den Abenteuerurlauber attraktiv. Das von Granit- und Schieferkämmen begrenzte, von Muschelkalkmassiven begründete Land hat sich schon mit unterirdischen Rekorden in der nationalen Bilanz eingetragen. Positiv zuletzt mit dem Rennsteigtunnel, der längsten tiefergelegten Straße Deutschlands. Negativ mit der größten unterirdischen Fabrik der Welt - dieser Ruhm ist zwiespältig und gilt dem Mittelbau Dora, dem Konzentrationslager bei Nordhausen. Diese neuen Höhlendenkmäler stehen ebenso für die Geschichte des Landes wie die alten, die Zufallsprodukte aus Gesteinsbildungen und tektonischen Verschiebungen. Wo sich die Felsen sichtbar aufrichteten, haben sich oft genug darunter Klüfte aufgetan - in Thüringen wieder rekordträchtig mit der Götzhöhle in Meiningen, die hier als größte begehbare Spaltenhöhle Europas vorgestellt wird. Der Autor führt den Reisenden ein mit einer geologischen Grundlagenlektion, ergänzt die dabei vermittelten Fachbegriffe umgehend mit dem unter der Grasnarbe gepflegten Bergmannsjargon. Natürliche Ereignisse wie die Auslaugung von Hohlräumen und die Abrisse von Granit- oder Kalkformationen werden in den Berichten fortgesetzt mit den Entdeckungen, Erschließungen und Erweiterungen der Unterweltattraktionen. So gegensätzliche Naturwunder wie die berühmte Feengrotte in Saalfeld oder die nächtliche Gewölbelandschaft der Barbarossahöhle von Rottleben am Kyffhäusergebirge werden dabei zum Gegenbild der Berglandschaften. Fast ebenbürtige Attraktionen entstanden durch menschliche Eingriffe von den Stollenvortrieben nach Kupfer und Gips in Friedrichroda oder durch den Abwasserkanal für das Brauereiprojekt in Weimar - als Marienglashöhle und als Parkhöhle inzwischen Besuchermagneten. Der Abstieg bietet dem Ausflügler auch archäologische Erkenntnisse, für die keiner den Spaten in die Hand nehmen muss. Er führt durch Gesteinsschichten mit den Spuren der Jahrhunderte und Jahrmillionen und hinein in Werk- und Wehrbauten mit den Kratzern der Werkzeuge, führt in eine Welt, in der sich langfristige Evolution und historische Eruptionen dramatisch und oft anschaulich überschneiden. Zauber der Natur und Drama der Geschichte werden hier in einer Welt der Schlammvulkane und Sintergardinen, der Förderschächte und Bunkerdome aufgespürt.
ric.
"Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen" von Ulrich Völkel. Rhino-Verlag, Ilmenau 2007. 240 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro.




TIEFGRÜNDIG
von Hannes Bosse

Thüringen, das grüne Herz Deutschlands, hat mit dem Thüringer Wald, anmutigen Tälern, lieblichen Flussläufen und weiträumigen Parks landschaftlich viel Sehenswertes zu bieten. Aber wie sieht es unter der Erde aus? Der Weimarer Schriftsteller Ulrich Völkel hat dies erkundet. Der Autor hat 25 Höhlen, Grotten und Schaubergwerke, die es im Thüringer Land gibt, aufgesucht, um von ihnen erzählen zu können. Sein Weg führte ihn von der „Heimkehle“ im äußersten Norden Thüringens bis hin zur „Zinselhöhle“ bei Meschenbach nahe Sonneberg.
Bewundernswert ist nicht nur die Kilometerzahl, die er da zu fahren hatte, denn bei mancher Höhle reichte ein einzelner Besuch nicht aus, sondern insbesondere das Quellenstudium, das er bewältigt hat. Das bloße Anschauen reichte ihm nämlich nicht aus. Er wollte den Höhlen im doppelten Sinn auf den Grund gehen. Ulrich Völkel versteht es, ohne weitschweifig zu werden, anschauliche Bilder der einzelnen Höhlen zu entwerfen. Dabei geht er recht unterschiedlich vor, konzentriert sich auf Wesentliches, geht aber auch auf Details ein, die dem Ganzen Farbe verleihen. So erzählt er von Fledermäusen, die in der „Heimkehle“ ihr Winterquartier beziehen, spricht aber auch das ungeflügelte Ur-Insekt „Schaefferia emucronta“ an, das in dieser Höhle die Zeiten überdauert hat. Er verrät, woher der Name „Marienglas“ stammt und dass dort von September bis Mai Konzerte veranstaltet werden. Dass die Erschließung der „Goetz-Höhle“ bei Meiningen (wie auch einige andere) dem Engagement heimatkundlich interessierter Bürger zu danken ist, erwähnt er mit Anerkennung. Auf Vergnügliches hat Völkel nicht verzichtet, wenn er die Schnärzchen der des Bergführer des „Rabensteiner Stollens“ wiedergibt. Der erzählt von den menschlichen „Winden“, die Besucher in einem zugigen Höhlengang die Hüte vom Kopf gerissen haben sollen.
Nicht ausgespart hat er, wie die Nazis Höhlen wie die „Heimkehle“ nutzten und aus einer Stollenanlage im Kohnstein bei Nordhausen das KZ-Außenlager Dora machten. Völkel schreibt: „Dieses Kapitel gehört in dieses Buch – oder ich kann es ganz lassen.“
Das Buch „Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen“ von Ulrich Völkel ist im Rhinoverlag erschienen. Es ist wissenschaftlich fundiert, aber lebendig erzählt. Das Buch ist mit zahlreichen Bildern vorzüglich ausgestattet und beweist den Lesern, dass Thüringen auch tiefgründig etliches zu bieten hat



12. Dezember 2008


… sehen, was man nicht sieht
Eingefahren in 25 Thüringer Abgründe


Nomen est omen. Im Namen liegt eine Vorbedeutung. Wo sonst also sollte ein Buch über Höhlen präsentiert werden als in einer Höhle selbst?

Von John Taue

In der Parkhöhle des Weimarer Ilmparks stellte der in Ilm-Athen lebende Autor Ulrich Völkel zu Jahresbeginn seine damals neueste Publikation vor. Da opulent bebilderte Werkt nennt sich nüchtern und präzise mit „Höhlen, Grotten, Schaubergwerke in Thüringen“ und ist – so viel sei vorab gesagt – einer der gelungensten Bildbände, die unsereinem in diesem langen Jahr 2008 unter die Augen kam.
Unter die Augen – die entsprechende Präposition führt uns direkt unter Tage. Dorthin nämlich, wohin sich Buchautor Völkel wieder und wieder begab., um für sein fast 240 Seiten zählendes Buch zu recherchieren, Es wurde, wie es im Buchuntertitel heißt, eine „Wanderung unter Tage, über Tage, aber nicht alltäglich“. Die kleine Wortspielerei läuft darauf hinaus,, dass Völkel sich nicht einfach als Höhlenforscher betätigte, sondern wirklich und wahrhaftig in ganz Thüringen unterwegs war, um mehr oder minder Bekanntes über mehr oder minder bekannte Unterhöhlungen ans Tageslicht zu fördern. Folgen wir ihm doch mal.
Natürlich war der Mann in der Barbarossahöhle, in den Saalfelder Feengrotten, im Rabensteiner Stollen, in der Friedrichrodaer Marienglashöhle. Auch in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, auch im Erlebnisbergwerk Sondershausen. Und selbstverständlich im Parkhöhlenmuseum Weimar.
So weit, so tief, so gut. Ulrich Völkel geht aber mehr als einen Schritt weiter – er geht auch tiefer. Soll nur mal einer behaupten, die informativen und weitgehend schmucklosen Texte besäßen keine Tiefe oder gingen nicht in selbige.
Nein, nein, nein – Völkel schreibt da nicht einfach ’runter, er reißt bei seinen Reisen auch nicht bloß die Stationen herunter, um dann abzureisen. Vielmehr verbringt er – in gebotener Kürze, aber kaum gehetzt – Anekdötchen und Histörchen über Land und Leute sowohl über als auch unter Tage  in einer Weise heraus, dass für den Leser wirklich etwas herauskommt. Mein lieber Berg-Mann, es fesselt wirklich, dieses Bucvh mit seinen zum Teil hinreißenden Fotografien, die den – wiederholt sei’s gesagt, geschrieben, getrommelt und gepfiffen!  – überaus lesenswerten Text assisitieren. Ende der Lobhudelei.
Wir treffen uns also in der Heimkehle Ufftrungen ebenso gern wie im Traditionsschacht Ronneburg, erkunden die Vereinigten Reviere in Kamsdorf mit ähnlichem Interesse wie das Besucherbergwerk Trusetal. Ein Buch für alle und jede(n), für den Bücherfreund allzumal. Unterhaltsam dem Leselustigen, beschaulich-anschaulich dem Augen-Blickenden, lehrreich dem Neugierigen. Oder wussten Sie, weil wir gerade in Weimar sind, dass nicht nur die Anna-Amalia-Bibliothek über einen wunderschönen Rokokosaal verfügt? Sicher nicht…
Dann schlagen Sie doch flugs mal die Seite 191 auf und entdecken Sie dorten das Schaubergwerk Morassina in Schmiedefeld. Oder fahren Sie gleich hin wie weiland  der damalige Bergassessor Alexander von Humboldt. Richtig, das war der auf den DDR-Fünfmarkscheinen. Aber gut, wir schweifen ab. Humboldt dürfte indes auch noch anders in Erinnerung geblieben sein.
Nun, nach so viel Beifall fürs gelungene Buch, vielleicht noch zwei entspannte, weil wertungsfreie Sätze zum Verfasser selbst. Ulrich Völkel lebt zwar seit 2001 in Weimar, geboren wurde er aber vor 68 Jahren anderwärts, nämlich im vogtländischen Plauen. Kam vom Theater, war in Rostock und Schwerin als Dramaturg und Regieassistent tätig, veröffentlichte aber damals schon im Eulenspiegel und Magazin. Trat ab 1965 auch als Romanautor herfür. Nachdichtungen, Erzählungen, Kurzgeschichten. Seit 2005 ist Völkel nicht nur als freier Autor, sondern auch als Lektor und Herausgeber tätig. Verheiratet, zwei Kinder.  Noch Fragen? Keine? – Wie schön! Dann nur noch schnell was Kurzgesagtes auf Ungefragtes: Allgemeine Infos dieser Art nebenan im Infokasten. Denn informiert sein ist bekanntlich alles.



Hoffmann von Fallersleben. Gedichte und Lieder           



Freitag, 19. Dezember 2008



"Haltet nicht so streng Gericht!"


Weimar. (tlz) "Verbannt mich aus dem Lande nicht! / O haltet nicht so streng Gericht!" So lautete Hoffmann von Fallerslebens Bitte an die Nachgeborenen. Der Schriftsteller und Herausgeber Ulrich Völkel hat sie erhört und ihm ein Bändchen gewidmet, das in der Reihe „Weimarer Texte" im weimarer taschenbuch verlag erschienen ist.

Völkel sieht in August Heinrich Hoffmann ( 1798-1874) - der sich einen Adelstitel anheftete, weil es ihn wurmte, von den blaublütigen Fräuleins nicht als standesgemäß betrachtet zu werden - einen sprachgewaltigen Dichter des 19. Jahrhunderts. Hoffmann von Fallersleben gehörte zu jener "Vormärz"-Generation, die zwischen Aufbruch und Anpassung, Revolution und Restauration geistig fast zerrissen wurde, wie auch Heine, Weerth, Herwegh oder Freiligrath. Man kennt Hoffmann als Verfasser des "Deutschlandlieds" mit der vielfach falsch gedeuteten und von den Nazis missbrauchten Zeile "Deutschland, Deutschland über alles", das, von Haydn vertont, 1922 per Dekret des Reichskanzlers Friedrich Ebert zur deutschen Nationalhymne wurde. Geschrieben hatte der unter der deutschen Kleinstaaterei leidende Hoffmann das Gedicht nicht aus nationalistisch überheblicher Gesinnung, sondern aus tiefster Sehnsucht nach einem "einig Vaterland".

Von einem konsequenten politischen Programm wie bei den Junghegelianern könne man bei ihm zwar nicht sprechen, schreibt Völkel im Vorwort zu der Gedicht-Sammlung, doch hätten seine Lieder "wesentlich zur politischen Bewusstseinsbildung der Deutschen beigetragen. Wären es wirklich nur läppische Verse gewesen, die Zensoren hätten ihn nicht mit solchem Eifer verfolgt, die Polizei ihn nicht steckbrieflich gesucht, die Potentaten ihn nicht des Landes verwiesen, die Universitäten ihn nicht gefeuert - und das Publikum ihm nicht so frenetisch Beifall gespendet."

Völkel hat für seinen Band aus etwa 2700 Gedichten eine kluge Auswahl getroffen, die mit bekannten Kinderliedern schließt: "Bienchen, summ herum!" oder "Kuckuck, Kuckuck ruft´s aus dem Wald!".

i Hoffmann von Fallersleben: Gedichte und Lieder. Ausgewählt und kommentiert von Ulrich Völkel, weimarer taschenbuch verlag, 200 S., 10 Euro

18.12.2008   Von Frank Quilitzsch



1 Dienstag, 16. Dezember 2008
von Luc Walter
Erfrischend aktuell, diese Texte von HVF! Schön dass es mal eine zeitgemäße und komentierte Ausgabe einer Auswahl seiner Lieder und Gedichte gibt, zumal so hübsch aufgemacht!



Weimarer Persönlichkeiten. Lexikon                             


Freitag, 13. März 2009



Julia Roßberg, Weimarer Verlagsgesellschaft, präsentiert das Lexikon
WEIMARER PERSÖNLICHKEITEN  auf der Leipziger Buchmesse (12. bis 15. März 2009)

Nicht nur Bach, Goethe, Schiller oder Nietzsche fanden Aufnahme in das "kleine Lexikon Weimarer Persönlichkeiten", einer Neuerscheinung, mit der der weimarer taschenbuch verlag auf der Leipziger Buchmesse vertreten ist. Auch der 1842 in Eisenach geborene und 1921 in Weimar verstorbene Ludwig Karl Heinrich Pfeiffer wird erwähnt – und mit einem Porträt vorgestellt. Er war ab 1871 Leibarzt von Großherzogin Sophie und als Naturwissenschaftler ein Förderer des Museums für Urgeschichte. In dem von Ulrich Völkel herausgegebenen, 296 Seiten starken Band wird auch erwähnt, dass die Bezeichnungen eines Landschaftsteils „Pfeiffers Ruh“ wie auch „Pfeiffers Quelle“ ihm gewidmet sind. Und auch der langjährige, 1989 verstorbene TLZ-Kulturchef Georg Menchen, der die Wochenendbeilage „Treffpunkt“ aus der Taufe hob, fand Aufnahme in das Lexikon. Im Anhang werden kurz die Personen beschrieben, nach denen Weimarer Straßen und Plätze benannt sind. (Auszug, Autor: Hirsch)


Buchpremiere im bistrot français am 24. Juni 2009


U.V                                                        Hellmut Seemann                             Hans Hoffmeister                           Michael Maaß     
                                                                 Präsident der Klassikstiftung       TLZ-Chefredakteur                        Verleger


Hellmut Seemann:

Auf letale Weise glücklich werden

Weimar. (tlz) Mit einer launigen Rede überraschte der Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, Hellmut Seemann, bei der Präsentation des Buches „Kleines Lexikon Weimarer Persönlichkiten“. Die TLZ dokumentiert diese Rede im Wortlaut.

Lexika sind etwas Herrliches. Sie laden Leute zum Surfen ein, die online nur sind, wenn’s anders nicht geht, und die doch auf diese interesselose Fortbewegungsart, das Surfen eben, ungern verzichten.
A wie Asendorpf, Bartold
B wie Bauer-Pezellen, Tina
C wie lassen wir jetzt mal aus.
Kleine Lexika haben einen nicht ungewichtigen Nachteil: sie könnten klein sein.
D wie Deetjen, Werner
E wie Eggerath, Werner
F wie Finger, Friedrich
Vorliegend allerdings handelt es sich um ein kleines Lexikon Weimarer Persönlichkeiten, also eigentlich ein kleines Lexikon großer Persönlichkeiten. Wie bekannt gibt es in Weimar eigentlich nur große Persönlichkeiten. Je kleiner Weimar, desto größer die Persönlichkeiten.
G wie Gerstung, Georg Ferdinand
H wie Hoppe, Walter
J wie Jericke, Alfred
Weimar ist groß, weil es klein ist. Deshalb kann man hier sogar über kleine Lexika groß denken, die mir eigentlich ein Graus sind und mir so gegen den Strich gehen wie dem Surfer die Kleinwelle. Kleine Lexika bringen einen in der Regel einfach nicht weiter.
K wie Krämer, Walter
L wie Lattke, Fritz
M wie Malberg, Hans-Joachim
Aber will man in Weimar überhaupt weiter? In Weimar ist man doch endlich am Ziel angekommen, Jetzt bloß nicht über Weimar surfend hinausschießen.
N wie Nohl, Johannes
O wie Oehler, Max
P wie Paul, Rudolf
Das Schönste an Weimar ist vielleicht, daß hier eine Bürgerschaft lebt, die alles über Weimar weiß. Alle erzählen sich hier ständig, was sie schon wissen.
Q wie Quensel, Paul
R wie Rasch, Kurt
S wie Schneider, Wolfgang
Und am meisten weiß man in Weimar über das Leben im 18. Jahrhundert. Die Pyramide des Wissens steht auf dem Kopf. Was zeitlich weit weg ist, hat hier breite Präsenz. Was zeitlich präsent ist, schert keinen etwas. Deshalb fangen die Weimarer jetzt, wo der 100. Geburtstag des Bauhauses näher rückt, an, sich für das Bauhaus heftig zu interessieren. In wenigen Jahren werden sie alles über das Bauhaus wissen.
T wie Trautermann, Karl
V wie Victor, Walther
W wie Wentscher, Dora
Lexika sind etwas Herrliches!
Kein Eintrag zu X
Kein Eintrag zu Y
Z wie Ziegler, Hans Severus.
Wie wird man im Sinne des Kleinen Lexikons eine Weimarer Persönlichkeit? Ja, wie schon gesagt, am besten, wenn Sie schon lange tot sind. Weimarer Persönlichkeiten sind zuallererst einmal tote Persönlichkeiten. Deshalb brauchen Sie jetzt auch gar nicht so neugierig herüber zu schielen, Nein: Sie stehen nicht drin, obwohl Sie gewiß auch eine ’ Gut und schön: der Herausgeber, Herr Ulrich Völkel, hat hier eine guillotinenscharfe Grenzlinie gezogen. Solange Sie noch krabbeln können, sind sie keine. Das war eine kluge Entscheidung. Herr Völkel wäre ja seines Lebens nicht mehr froh geworden, wenn er eine lebende Persönlichkeit verzeichnet und eine andere verschmäht hätte. Denn da sich alle Weimarer Bürger ständig mit Weimarer Persönlichkeiten, die per definitionem große Persönlichkeiten sind, beschäftigen, wächst ihnen nach und nach etwas vom Gegenstand ihrer Beschäftigung zu: sie werden zu Persönlichkeiten und zwar notgedrungen zu großen.
Spaß beiseite: So leicht werden Sie mir nicht entkommen. Ich habe Sie alphabethisch durch das Lexikon geführt. Sie wissen: Lexika sind etwas so Herrliches, daß man einst das Alphabeth eigens erfunden hat, um Lexika verfassen zu können. Von A wie Asendorpf bis Z wie Ziegler habe ich Sie mit Einträgen konfrontiert. 26 Buchstaben sind es, C hatten wir ausgelassen, I ist gleich J, U ist gleich V, zu X und Y fällt keinem Personen-Lexikon, ob groß, ob klein, etwas ein: 26 minus 5 macht 21. 21 Weimarer Persönlichkeiten habe ich Ihnen genannt. Wie viele kannten Sie? Von B wie Bauer-Pezellen bis W wie Wentscher. Wir können sie alle der Reihe nach einmal durchgehen. Ich wette, daß keiner von Ihnen zu mehr als einem Drittel der Namen sachdienliche Hinweise geben kann. Außer vielleicht der Autor und sein Verleger. Die haben Sie auf dem linken Fuß erwischt. Alle diese 21 Persönlichkeiten lebten die längste Zeit ihres Daseins im 20. Jahrhundert, und im 20. Jahrhundert ist Weimar, was die Kenntnisse seiner Bürgerschaft anbelangt, schwach auf der Brust. Trautermann?, Eggerath?, Malberg? ’ nun, ich merke schon, Sie raten. Eckermann!, Kotzebue!, Lengefeld! da kämen die Antworten wie aus der Pistole geschossen. Das kleine Lexikon stellt, wenn schon nicht auf dem cover, so doch im Inhalt, die Behauptung auf, daß es auch im 20. Jahrhundert Weimarer Persönlichkeiten gegeben habe. Das ist unbedingt als Verdienst des Bandes zu würdigen. Ich habe den Selbstversuch gewagt und bin das Buch systematisch durchgegangen: Ich fand 37 Personen, von denen ich noch nie gehört hatte, mehr als die Hälfte davon, nämlich 21, lebten vornehmlich im 20. Jahrhundert.
Da ich weiß, daß ich vor lauter Weimarer Persönlichkeiten spreche, würde ich am liebsten gleich ein weiteres Experiment machen. Es ist nämlich ein erstaunliches Faktum: Lexika erreichen in Deutschland die Mitte ihres Volumens üblicherweise bei dem Buchstaben L. Das ist der 12. Buchstabe in der Reihe der 26. Beim kleinen Lexikon Weimarer Persönlichkeiten weicht dieses Gesetz spezifisch ab: Schon beim Buchstaben H, Nummer 8 in der Reihe der 26, ist die Mitte erreicht. Jetzt würde ich gern mal wissen: Alle Persönlichkeiten deren Familienname mit den Buchstaben A bis H beginnt, stehen bitte mal kurz auf. Sollten Sie sich weimargerecht zusammensetzen, müßten Sie genau die Hälfte unserer Versammlung ausmachen.
Lexika haben viel mit Statistik zu tun. Welchen Wert ein Lexikon hat, wes Geistes Kind es ist, kann man oft aus zahlenmäßig zu erschließenden Grunddaten ablesen. Diese Grunddaten habe ich erhoben. 285 Persönlichkeiten werden vorgestellt, darunter, um genau zu sein, zwei Familien: die Hofbeamtensippe Kirms und die Gärtnerdynastie Sckell. 246 von diesen insgesamt 285 sind Männer. Nur 39 Frauen haben es zu einer Weimarer Persönlichkeit gebracht. Zieht man von diesen 39 wiederum die 10 ab, die als Mitglieder der Monarchie oder als Hofdamen zu lexikalischem Ruhm gelangten, rechnet man also nur die Frauen mit, die ’ es geht doch um die Persönlichkeit! ’ um ihrer selbst willen, also als Individuen der Weimarer Geistesrepublik ihren Ruhm eroberten, sinkt die Frauenquote auf unter 10 Prozent ab. Ganze 29 Frauen. Die Weimarer Persönlichkeit ist männlich. Mathilde von Freytag-Loringhoven, die in eheähnlicher Beziehung mit ihrem Hund Kuno von Schwertberg, gen. Kurwenal, lebte, wußte das und ließ sich als Motorradfahrerin ablichten. Sie hat es problemlos in die Hall of Fame geschafft. Ihr Ruhm, Fürsprecherin der ästhetischen Reaktion gewesen zu sein, bleibt übrigens unerwähnt. Erfreulicherweise hingegen nicht, daß sie ihrem Lebensgefährten in der Marienstraße 18 einen Gedenkstein errichtete.
Wie wird man eine Weimarer Persönlichkeit? Zurück zur Statistik. Von den 285 Erwählten wurden nur 42, gerade mal 15, in Weimar geboren. Und keine 10 sind hier sowohl geboren als auch gestorben, nämlich ganze 27. Umgekehrt wurden 100 Weimarer Persönlichkeiten weder hier geboren, noch sind sie hier gestorben. Vielleicht die glücklichste Teilgruppe? Die stärkste jedenfalls nicht. Denn das, genau die Hälfte aller Erwähnten gehört ihr an, 143 ganz genau gesagt, ist die Teilgruppe derer, die hier nicht geboren, wohl aber gestorben sind. Als Weimarer Persönlichkeit in spe sollten Sie mithin alles tun, um hier nachzuziehen. Statistisch wächst die Wahrscheinlichkeit, daß Sie ins Lexikon einziehen, auf diese letale Weise am glücklichsten. An diesen Fakten muß es liegen, der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke hat es in seiner Erzählung ’Auf Reisen’ gerade erst wieder unterstrichen, daß Weimar, ’melancholisch zum Umarmen’, zum Urort deutscher Schwermut, wenn ich so sagen darf, aufgestiegen ist. Natürlich liegt das auch daran, daß hier wohl nachgestorben, aber kaum nachgeboren wird. Keine 15 , sagte ich, sind hier geboren. Aber im 20. Jahrhundert kommen in Weimar nur noch drei Persönlichkeiten an Ort und Stelle zur Welt: Jutta Hecker, 1902, Kurt Rasch, 1904 und dann noch Baldur von Schirach, 1907 gegenüber 53, die hier sterben. Wenn das so weitergeht, werden wir uns im 21. Jahrhundert als Weimarer Persönlichkeiten ganz aufs Ableben beschränken: der Trend jedenfalls ist ungebrochen.

25.06.2009